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Sonntag, 31. Januar 2021
Samstag 28. November 2009

Linzer Radpolitik am Prüfstand

Rubrik: Aktuelles Linz
Von: Mirko Javurek

Im Linzer Radverkehrskonzept von 1997 war auch nach 10 Jahren eine Evaluierung vorgesehen, die die Erfüllung der Ziele des Konzepts auswerten sollte. Diese Evaluierung wurde vom Radverkehrsexperten Michael Meschik und seinen MitarbeiterInnen an der Universität für Bodenkultur in Wien teilweise unter Mitwirkung der Initiative Fahrrad OÖ durchgeführt.

Bewertung durch die ExpertInnen: grün (ausgezeichnet) bis violett (dringend verbesserungsbedürftig)

Radverkehrsexperte DI Dr. Michael Meschik ist auch selbst begeisterter Radfahrer

Die Befahrung der bewerteten Strecken erfolgte selbstverständlich mit dem Fahrrad; im Bild: DI Dagmar Meth (Team Meschik)

Beispiel Linke Brückenstraße: der an dieser Stelle beanstandete Belag wurde inzwischen bereits von der Stadt Linz erneuert

Beispiel Bulgariplatz: gut gestaltete Radfahrerüberfahrten, aber mühsame und langwierige Querung durch Unterbrechungen

Beispiel: unterbrochener Radweg

Der erste Teil der Evaluierung besteht aus einer Befragung der Linzer Bevölkerung. Etwa zwei Drittel fahren – zumindest fallweise – mit dem Fahrrad. RadfahrerInnen werden positiv als sportlich, umwelt- und gesundheitsbewusst eingestuft. Nicht-Radfahrende werden eher mit negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht und als bequem und unsportlich angesehen. Die Befragten würden den nicht-motorisierten Verkehrsmitteln einen größeren Anteil des Verkehrsbudgets zuteilen, aktive RadfahrerInnen befürworten bei verkehrspolitischen Entscheidungen Vorschläge zur Förderung des öffentlichen und nicht motorisierten Verkehrs, auch zu Lasten des PKW-Verkehrs. Während die Befragten schätzen, dass 16 % des Verkehrsbudgets für den Radverkehr ausgegeben wird, und sich eine Erhöhung auf 19 % wünschen, beträgt der tatsächliche Anteil in den letzten 10 Jahren weniger als 1 % (Studie der Initiative FahrRad OÖ).

Insgesamt stehen die BürgerInnen der Qualität des Radverkehrs in Linz relativ neutral bis leicht zustimmend gegenüber. Mit einzelnen Bedingungen für den Radverkehr in Linz sind die Radfahrenden nicht zufrieden. Die größten Kritikpunkte betreffen das Netz an Radfahranlagen, das als nicht ausreichend empfunden wird, die Breite der Radfahranlagen, die Ausgestaltung der Kreuzungsbereiche, die Führung des Radverkehrs an Baustellen und die Abstellanlagen. Als attraktiv bzw. verkehrssicher empfinden die RadfahrerInnen Strecken, die eine geringe Beeinträchtigung durch den Kfz-Verkehr aufweisen, während als unattraktiv schmale oder lückenhafte Radfahranlagen und unkomfortable Fahrbahnoberflächen empfunden werden. Serviceleistungen wie der kostenlose Verleih von Fahrradanhängern, die Schließfächer im Alten und Neuen Rathaus sowie die Fahrrad-Servicestationen sind nur einem kleinen Teil der aktiven RadfahrerInnen bekannt, während der Radverkehrsbeauftragte als Anlaufstelle für Radverkehrsangelegenheiten fast der Hälfte bekannt ist.

Im zweiten Teil der Evaluierung wurden von den ExpertInnen Radverkehrsanlagen untersucht, die von der Stadt Linz ausgesucht wurden und etwa ein Viertel des Linzer Radnetzes ausmachen. Sie werden im Großen und Ganzen als verkehrssicher und komfortabel bezeichnet, allerdings sind punktuell einige Defizite festzustellen: einige Radwege sind zu schmal, oft ist eine Beeinträchtigung durch Lärm und Abgase gegeben. Markierungen (Radfahrpiktogramme, Richtungspfeile) sind generell auf allen Radfahranlagen wenig vorhanden. Weiters wird kritisiert, dass bei Baustellen der Radverkehr häufig nicht ausreichend berücksichtigt wird. Das sollte sich in Zukunft durch den Baustellenleitfaden, den Mobilitätsstadtrat Himmelbauer unter der Mitwirkung der Initiative FahrRad OÖ erstellen ließ, verbessern. Kritisiert wird weiters, dass verparkte Radfahranlagen weitgehend toleriert werden. Das Queren insbesondere komplexer Kreuzungen ist für den Radverkehr häufig mit Unterbrechungen und Zeitverlusten verbunden. Unterbrechungen im Radverkehrsnetz sind häufig dort zu finden, wo gute Radverkehrsanlagen nur auf Kosten der Kfz-Verkehrsfläche umzusetzen sind oder im Bereich von Bushaltestellen. Die Orientierung ist für ortsunkundige Radfahrerinnen und Radfahrer schwierig. Die Qualität der Radabstellanlagen ist unterschiedlich, in Teilen des Stadtgebietes sind sie nicht ausreichend vorhanden. Bei 28% der untersuchten Radrouten ist die zulässige Kfz-Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h und mehr für einen Mischverkehr zu hoch, sodass entweder der Fahrrad- vom Kfz-Verkehr getrennt oder die Höchstgeschwindigkeit reduziert werden sollte.

Als konkrete Vorschläge für die Zukunft werden eine verstärkte Informationsarbeit und die Durchführung von Imagekampagnen genannt. Neben der Beseitigung der oben genannten Mängel wird insbesondere erwähnt, die Durchgängigkeit des Radverkehrsnetzes herzustellen und die Radfahrüberfahrten an Kreuzungen für sicherere und direktere Führung des Radverkehrs umzugestalten. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Exekutive gegen verparkte Radwege und Maßnahmen (z.B. bauliche), um das Freihalten kritischer Sichtbereiche zu sichern, werden ebenso aufgezählt wie eine Verbesserung der Wegweisung. Bei einer gezielten Förderung des Radverkehrs, wie sie im Radverkehrskonzept als Ziel formuliert wurde, ist dem Radverkehr gegenüber dem Kfz-Verkehr höhere Priorität einzuräumen.

2009 wurden von der Stadt Linz bereits einige Sanierungsarbeiten aufgrund des in der Evaluierung bemängelten Belagszustands durchgeführt (z.B. Radweg Linke Brückenstraße zwischen Gh. Lindbauer und Freiststädterstraße, siehe Foto). Ansonsten zeigte die Stadt Linz jedoch Kreativität beim Begründen, warum andere Maßnahmen wie z.B. Lückenschlüsse und die Verbreiterung von Radwegen nicht möglich seien - u.a. weil  dem dem Kfz-Verkehr nach wie vor höhere Priorität eingeräumt wird.



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