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Sonntag, 31. Januar 2021
Samstag 30. August 2008

Alltagsradfahren in Linz – Studie der Uni Linz

Rubrik: Aktuelles Linz
Von: Mirko Javurek

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Linz nach wie vor großen Verbesserungsbedarf beim Radverkehr aufweist, und bestätigen im wesentlichen die Forderungen und Schwerpunktaktionen der ifahrrad. Ein durchgehendes und dichteres Radwegnetz, zügiges und attraktives Vorankommen abseits des Autoverkehrs und Radverkehrsförderung durch öffentliche Kampagnen sind u.a. gewünscht.

Alltagsradfahren vereint Fortbewegung und körperliche Bewegung

Manche AlltagsradfahrerInnen sind wahre VerpackungskünstlerInnen

Baustellen sind für RadfahrerInnen oft schwer zu umfahren

In der Einleitung zur Studie wird die Entwicklung unserer Städte zu Autoverkehrsstädten seit dem Ende des zweiten Weltkriegs hervorgehoben. Auch die verstärkte Zuwendung zum öffentlichen Verkehr (ÖV) in den letzten Jahren konnte daran kaum etwas ändern. Fest steht, dass BürgerInnen häufig mit einem zukunftsorientierten verkehrspolitischen Denken weiter voran sind, als es PolitikerInnen vermuten. Die stark unterschiedlichen Radverkehrsanteile in Österreichs Städten (z.B. Salzburg: 19 %, Linz 6 %) lassen sich nicht einfach auf topografische und klimatische Umstände zurückzuführen. Im Rahmen eines Forschungspratikums aus Stadtsoziologie des Instituts für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz führten StudentInnen unter der Leitung von Prof. Josef Lins Interviews mit 33 AlltagsradlerInnen sowie 22 FreizeitradlerInnen durch, um den Motiven für bzw. gegen das Alltagsradfahren in Linz auf den Grund zu gehen.

Rolle des Radfahrens in der persönlichen Entwicklung

Während ältere Generationen Radfahren meist erst mit 6 Jahren und ohne eigenes Kinderrad erlernten, starteten die jüngeren schon ab 3 Jahren. Der Großteil der AlltagsradlerInnen war bereits in der Kindheit viel mit dem Rad unterwegs, bis das Fahrrad während der Berufsausbildung in Vergessenheit geriet und erst später wieder entdeckt wurde.

Image des Radfahrens

Zum einen Teil vertreten AlltagsradlerInnen die Ansicht, dass sie von anderen positiv als sportlicher und gesünder angesehen werden, zum anderen Teil, dass sie vor allem von AutofahrerInnen negativ als störend wahrgenommen werden. Während Radfahren in konservativen, gutbürgerlichen Kreisen eher belächelt wird, genießt es in Künstler- und Studentenkreisen großes Ansehen. Sich selbst sehen AlltagsradlerInnen eher positiv als sportliche RadfahrerInnen, die ihre täglichen Wege bevorzugt mit dem Fahrrad zurücklegen. Viele haben zwei oder mehrere Räder, oft wird aus Angst vor Diebstählen ein altes, weniger wertvolles Rad für den Bereich Uni oder Innenstadt verwendet.    

Motive der AlltagsradfahrerInnen

Das am häufigsten genannten Motiv sind die geringen Kosten des Fahrrads vor allem im Vergleich zum Auto (Erhaltungskosten, Treibstoff, Parkgebühren) und zum ÖV, gefolgt von der körperlichen Bewegung und ihre positive Auswirkung auf die Gesundheit. Dabei wurde oft der Vorteil genannt, dass man beim Radfahren Fortbewegung und körperliche Bewegung kombiniert und damit „zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt“. Beim Radfahren spielen Parkplatzsuche und Staus keine Rolle, mit dem Rad kann quasi direkt von Tür zu Tür gefahren werden, und teilweise können mit dem Rad Abkürzungen genommen werden. Die meisten Befragten betonen, dass sie dadurch mit dem Rad in der Stadt schneller als mit dem Auto sind. 

Im Vergleich zum ÖV wird die Flexibilität hervorgehoben, die sich durch die Unabhängigkeit von Fahrplänen, Betriebszeiten und Haltestellen ergibt, sowie der Zeitgewinn, der gegenüber ÖV-Verbindungen durch Wartezeiten aufgrund niedriger Intervalldichten, Umsteigen und Verspätungen durch Staus entstehen.

Die emotionale Motive zum Alltagsradfahren sind Ausgleich und Entspannung, vor allem am Weg zur und von der Arbeit. Der ökologische Gesichtspunkt wird hingegen selten als zentrale Triebkraft genannt, sondern höchstens als positiver Nebeneffekt.

Wofür und unter welchen Bedingungen wird das Rad benutzt?

Aufgrund seiner Flexibilität wird das Fahrrad im Alltag am meisten für Einkäufe und kleine Besorgungen verwendet. Natürlich ergeben sich beim Fahrrad Grenzen in der Transportkapazität, die aber von AlltagsradlerInnen sehr unterschiedlich empfunden werden: manche sehen z.B. auch kein Problem darin, Getränkekisten am Gepäcksträger zu befördern.

Am zweithäufigsten wird das Fahrrad für den täglichen Weg zur Arbeit oder Ausbildungsstätte verwendet. Schließlich wird das Rad auch für Freizeitaktivitäten wie Fortgehen, Leute treffen oder Baden verwendet. Viele behaupteten pragmatisch, dass sie das Rad einfach „für alles“ verwenden.

Nach der eingeschränkten Transportkapazität des Fahrrads werden weite Entfernungen als hinderlich genannt, wobei weniger die weite Strecke, sondern eher Zeitmangel das Problem darstellt. Ein weiteres Hindernis ist das Schwitzen durch die körperliche Anstrengung, das gerade bei beruflichen Fahrten ungewünscht ist. Einzelne nannten auch das mangelhaft ausgebaute Radwegnetz, ein zweites Kind oder zu große Steigungen als Gründe, nicht immer mit dem Rad zu fahren. 

Wetter und Jahreszeit

Wetterbedingte Einflüsse wie Regen, Schnee oder Kälte stellen für die meisten befragten AlltagsradlerInnen schwerwiegende Gründe dar, das Rad stehen zu lassen. Auch die benötigte Extrakleidung bei feuchter oder kalter Witterung sowie die mangelnde witterungbeständige Transportmöglichkeit für Gepäckstücke (z.B. Laptop im Rucksack wird bei Regen nass) werden als Hinderungsgrund genannt. Bemängelt wird auch, dass die Salzstreuung im Winter die Korrosion beschleunigt und dadurch Fahrrädern stark zusetzt. Trotzdem geben ein paar der Befragten an, zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung das Rad zu verwenden.

Alternative Verkehrsmittel der AlltagsradfahrerInnen

Als Alternative zum Fahrrad werden von den AlltagsradfahrerInnen etwa zu gleichen Anteilen das Auto und der ÖV (Straßenbahn, Bus und AST) genannt. Viele betonen den Ausnahmecharakter des alternativen Verkehrsmittels. Etwa die Hälfte verfügen über ein eigenes Auto, ein Drittel gibt sogar an, das Auto nur ungern zu benützen.

Warum FreizeiradfahrerInnen nicht im Alltag radfahren

FreizeitradfahrerInnen sind oft begeisterte RadfahrerInnen, die aber trotzdem das Fahrrad im Alltag kaum verwenden. Die meisten der genannten Gründe dafür sind ähnlich wie jene der bereits von AlltagsradfahrerInnen genannten: mangelnde Transportkapazität (Einkäufe, Laptop) und Schwitzen, weiters spielen aber auch eine gegebenfalls erforderliche Berufskleidung (Anzug), Bequemlichkeit und Gewohnheit eine Rolle: wer einmal ein Auto benützt, benützt es immer, auch für kleine Wege. Außerdem werden auch die abschreckende Verkehrssituation in Linz, das unzureichende Radwegnetz und die daraus resultierenden zu großen Gefahren und Stresssituationen sowie die Abgase oder generelle Aversionen gegen Radfahren in der Stadt genannt. Zu große Distanzen als Hindernis zum Radfahren werden hingegen selten angegeben; großteils wären die alltäglichen Wege der Befragten durchaus mit dem Fahrrad zu bewältigen. Interessanterweise empfinden FreizeitradfahrerInnen das Auto im Alltag flexibler als das Fahrrad, während AlltagsradfahrerInnen genau umgekehrt das Rad flexibler als das Auto sehen.

Wie AlltagsradlerInnen unterwegs sind

Die zurückgelegten Entfernungen reichen von einigen wenigen bis zu 30 km am Tag und sind typischerweise um 10 km pro Tag. Dabei bevorzugen RadfahrerInnen Radwege, wobei viele hervorheben, dass das Linzer Radwegnetz sehr unzureichend ist, sodass nur wenige der Befragten tatsächlich Radwege benützen können. Oft werden bewusst Umwege von bis zu mehreren Kilometern in Kauf genommen, um attraktive Radwege wie z.B. den Donauradweg nützen zu können. Auch verkehrsberuhigte Zonen werden positiv wahrgenommen. Einige Gebiete wie z.B. das Zentrum, die Landstraße oder aber die Industriezeile werden von einigen gänzlich gemieden.

Erfahrungen der AlltagsradlerInnen

Positiv empfinden die befragten RadfahrerInnen neben den bereits genannten Vorteilen, wenn sie ohne Behinderungen durch andere VerkehrsteilnehmerInnen (FußgängerInnen, querende Autos, aber auch andere RadfahrerInnen) und Ampeln zügig voran kommen. Dass es mehr Radwege als früher gibt, und Einbahnen sowie Busspuren für RadfahrerInnen geöffnet wurden, wird ebenfalls von einigen positiv wahrgenommen, obwohl auch einige den Eindruck haben, dass sich in den letzten 10 bis 15 Jahren für RadfahrerInnen kaum etwas verbessert hat.

Deutlich umfangreicher als die positiven Erfahrungen fielen die negativen aus: die für RadfahrerInnen generell erforderliche erhöhte Aufmerksamkeit im Straßenverkehr, Übersehen werden von abbiegenden Autos, Gefährdung und insbesondere Schadstoffbelastung durch den zunehmenden Autoverkehr, schwer zu umfahrende Baustellen, Schienen und Kopfsteinpflaster vor allem bei Nässe, aber auch Konflikte mit FußgängerInnen in der Fußgängerzone mangels eines ausgewiesenen Fahrbereichs für RadfahrerInnen werden angeführt.

Als unangenehme Straßenabschnitte wurden unter anderem Rudolfstraße, Bahnhofsgegend – Waldeggstraße – Westbahnbrücke, Dametzstraße, Humboldstraße, Mozartstraße, Industriezeile und Prinz-Eugen-Straße sowie das VOEST-Gelände und seine Zufahrten genannt. Wenn auf stark befahrenen Straßen kein Radweg vorhanden ist, weichen manche RadfahrerInnen aus Angst vor dem Autoverkehr auf den Gehsteig aus.

Linzer Radwegnetz aus der Sicht der AlltagsradfahrerInnen

Auf Radwegen stören verparkte Radwege, von Autos blockierte Radwegüberfahrten an Kreuzungen, unachtsam geöffnete Autotüren, FußgängerInnen, Inlineskater und Hunde, aber auch andere auf schmalen Einrichtungs-Radwegen zu überholende oder entgegenkommende RadfahrerInnen. Zweirichtungsradwege hingegen überfordern oft AutofahrerInnen, weil diese nicht mit Rädern aus beiden Richtungen rechnen. Neuralgische Punkte sind die in Linz an vielen Stellen plötzlich endenden Radwege (s.a. Lückenstudie der ifahrrad), wo RadfahrerInnen verunsichert sind, und nicht wissen, wo sie weiterfahren sollen.

Baulich getrennte Radwege werden von den Befragten sicherer, störungsfreier und abgasärmer empfunden, obwohl sie auch erkennen, dass sich dadurch im Kreuzungsbereich verstärkte Gefährdungen ergeben. Radstreifen am Fahrbahnrand wie z.B. in der Leonfeldnerstraße werden als unangenehm angeführt, da der motorisierte Verkehr zu dicht an den RadfahrerInnen vorbeiführt, nur wenige der Befragten fühlen sich auf Mehrzweckstreifen wohl. Gemeinsame Rad- und Gehwege ohne Trennung werden allgemein als gefährlich abgelehnt. Weiters werden die engen und mangelhaft abgetrennten Radwege auf der Nibelungenbrücke (s.a. Schwerpunkt Nibelungenbrücke der ifahrrad), Konflikte mit FußgängerInnen an Bushaltestellen (z.B. Gruberstraße) und die noch nicht geöffneten Einbahnen genannt.

Radwege sind oft schwer zu finden, besonders in der Innenstadt fehlen Radwege. Im Vergleich zu anderen Städten wird Linz eher als Fahrrad-unfreundlich gesehen, die Befragten erkennen keine Bemühungen seitens der Stadt Linz, den Radverkehrsanteil zu erhöhen.

Verbesserungswünsche der AlltagsradlerInnen

Am häufigsten wünschen sich die Befragten ein durchgehendes Radwegnetz: in einigen Stadteilen fehlen Radwege, insbesondere die Zufahrten zur Innenstadt und die Sicherheit an Kreuzungen werden als mangelhaft beschrieben. Eine strengere Trennung des Radverkehrs vom Autoverkehr und FußgängerInnen wird gewünscht. Weitere Anliegen sind überdachte, diebstahlsichere und beleuchtete Radständer (s.a. Bedarfserhebung der ifahrrad), rasche Schneeräumung (insbesondere auch des Donauradwegs) sowie Rollsplitentfernung bei den Radwegen, grüne Welle für RadfahrerInnen, längere Grünphasen durch getrennte Fußgänger- und Radfahrerampeln (s.a. Bericht der ifahrrad), Fahrramitnahme im ÖV und ausreichende Beleuchtung von Radwegen, insbesondere des Donauradwegs. In der Arbeit wünschen sich AlltagsradfahrerInnen Duschgelegenheiten.

Aus den Befragungen erachten die AutorInnen der Studie zusätzlich zu den genannten u.a. folgende Maßnahmen für sinnvoll: technische Schutzeinrichtungen an neuralgischen Punkten (Bodenmarkierungen, Beläge), höhere Sicherheitsabstände bei Radwegen, bessere Beschilderung der Wegführung, deutlichere Kennzeichnung von Zweirichtungsradwegen, deutlichere Markierung von Radwegen und bauliche Maßnahmen gegen Verparken, Aufklärungskampagnen über Gefahrensituationen bei allen VerkehrsteilnehmerInnen, Förderung des Radfahrens über Schule und Sportunterricht.

AlltagsradlerInnen fühlen sich von den Politikern kaum vertreten, und erwarten sich von ihnen mehr Einsatz und finanzielle Mittel für den Radverkehr (s.a. Kostenstudie der ifahrrad). Statt dem Ausbau der Straßen soll eine Abnahme des Autoverkehrs im innerstädtischen Bereich forciert werden. Radverkehrskampagnen zur Attraktivierung des Radverkehrs z.B. durch Imagekampagnen in den Medien, Aufklärung über vorhandene Radwege und Bonusaktionen für RadfahrerInnen sind gewünscht (s.a. Forderung der ifahrrad nach einer oö. Radkampagne). Die Medien selbst sollen vor allem Alltagsradfahren vermehrt und positiv thematisieren, oft wird Radfahren nur als Freizeitspaß dargestellt.

Von anderen VerkehrsteilnehmerInnen wünschen sich RadfahrerInnen mehr Rücksichtnahme auf RadfahrerInnen und eine Abnahme des Autoverkehrs: sie appellieren an das Umweltbewusstsein der AutofahrerInnen, nicht alle Wege mit dem Auto zurückzulegen, und vor allem kurze Distanzen und sinnlose Fahrten zu vermeiden.

Anreize fürs Umsteigen aufs Fahrrad im Alltag

Als Gründe, die die befragten FreizeitradfahrerInnen zu einer Nutzung des Fahrrads im Alltag bewegen können, nennen sie als Push-Faktoren einerseits höhere Treibstoffpreise, Reduktion oder Vergebührung der Parkplätze am Arbeitsort und ein massives Ansteigen der ÖV-Tarife. Anderseits wird als wichtiger Pull-Faktor der Ausbau des Radwegenetzes vor allem im innerstädtischen Bereich genannt: so soll RadfahrerInnen ein sicheres Fortbewegen abseits des Autoverkehrs ermöglicht werden, wobei allerdings ein Umdenken in der Verkehrsplanung notwendig wäre. Förderkampagnen und vermehrte Unterstützung durch die Politik werden auch von den FreizeitradfahrerInnen als Anreize zum Umsteigen erwähnt.

Generell kann aus der Studie geschlossen werden, dass der im Vergleich zu anderen Städten niedrige Radverkehrsanteil kaum (wie oft behauptet) an der Topografie des Linzer Stadtgebiets und daraus resultierenden zu langen Wegen liegt, sondern viel eher an einer mangelnden Radverkehrsinfrastruktur und -förderung.


Dateien:
2007-JKU-Radfahren_in_Linz.pdf358 K

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